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Loslassen – Natur und Mensch

Nach einem langen Winter mit tiefen Temperaturen und viel Schnee sehnt sich alles nach Wärme und nach Sonnenschein. Die graubraunen Wiesen zeigen mit jedem Tag mehr Strähnen von anfangs zartem und dann sattem Grün. Und alle Jahre ist es das selbe Spektakel, wenn die Leute die ersten Schneeglöckchen sehen: Schau wie schön! Wunderbar! Herrlich! Ganz so, als ob dieses Schauspiel sich nur alle 100 Jahre einmal abspielen würde.

Dabei lassen sich diese Vorgänge alle Jahre beobachten. Nun, es ist möglich, dass einmal die Schneeglöckchen am Waldrand etwas früher blühen, als die daheim im Garten. Es kann auch sein, dass sie an einer Stelle einmal ganz ausbleiben, dafür aber anderswo wieder üppiger in Erscheinung treten.


Jedenfalls erwacht im Frühling die Natur. Genau jene Natur um uns herum , die im vergangenen Herbst beschlossen hat sich zur Ruhe zu begeben. Manche Pflanzen, Insekten und andere Lebewesen sind ohnehin vorher schon gestorben und den Rest des noch Lebenden hat sie mit Minusgraden, Düsternis und einer Frostdecke zum Nichtstun, ja sogar zum Absterben, gezwungen.


Anders als der Mensch hängt die Natur nicht an einmal Erlebtem fest, sondern gibt allen Pflanzen und Lebewesen jedes Jahr wieder die Chance, sich zu höchstem Entzücken empor zu arbeiten. Wenn die Rose blüht, erstrahlt alles rundherum, wenn die Blüten welken, dann vernimmt man höchstens vom Menschen ein Wehklagen: Ach, wie schade. Wo sie doch so schön waren! In der Natur heißt es: danke, das war‘s – bis zum nächsten Jahr dann!
Würde der Mensch ähnlich reagieren – nun, das Leben hielte wesentlich mehr Höhepunkte für ihn bereit. Was der Mensch einmal hat, das will er für immer an sich ketten. Die Rose wird verkehrtherum aufgehängt, damit alles Leben aus ihr weicht und man sie staubtrocken in eine Vase platzieren kann. Das fahle Aschgrau, das die Blätter von Woche zu Woche mehr zeichnet, wird gar nicht richtig zur Kenntnis genommen – man schwingt eine grelle Schleife um das tote Grün und schon wird der Strauß zu neuem Leben erweckt.
Ähnlich verhält es sich mit den vielen Kleidern im Kasten. Der Firmanzug wartet noch immer darauf, dass der Besitzer oder sein Nachkomme wieder einmal hinein passt und die riesigen Sonnenblumen auf dem weißen Kleid lassen angesichts der anhaltenden Dunkelheit im Kasten auch alles hängen. Die Tochter des Hauses kann sich mit dem Muster der Vergangenheit nicht anfreunden, die Hausfrau würde damit lächerlich aussehen und so fristet es halt sein Dasein inmitten von Lavendelkissen dahin um auf die nächste Generation zu warten.


Angesichts dieser Sammelsucht des Menschen müssen natürlich seine Behausungen immer größer werden. Die Briefmarken brauchen einen eigenen Schrank, die Fotoalben ebenso, das dritte Speiseservice für ganz besondere Anlässe wird zweimal im Jahr zum Abspülen aus dem Gläserschrank genommen und die riesigen Schachteln mit Erinnerungsstücken an die verschiedensten Ereignisse sollten auch nicht im Keller verschimmeln. Prestigeobjekte veranlassen dazu, sich für seine Bleibe ein neues Sicherheitssystem zuzulegen und ebenso braucht es das für die vielen alten Sachen, über die unsere Vorfahren froh waren, dass endlich was Zweckmäßigeres dafür erfunden wurde.

Geboren werden, erblühen, Freude bereiten, zur Ruhe gehen und zu gegebener Zeit wieder von vorne beginnen – davon hält der Mensch nicht viel.

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